Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.
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Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer war er dann auf See bei seinem Vater.
Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.
Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür, de wull jo god!
Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. „Wat kannst du bloß den Kohn verkäupen?“ rief er heftig, „de hürt mi to un dor hett nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!“ Als er sie dann aber nach dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los und brachte es nach dem Neß zurück.
Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.
War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!
Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe, ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus.
Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen.