Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte seinen Namen golden schreiben, weil er so viel für unsere Fischerei getan hat und noch tut!) — der hat auch in die puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.

Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.

Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort:

Mediis tranquillus in undis.

Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas wissen.

Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter auf. „Sühso, mien lebe Klaus Mees,“ sagte er und fragte nach Schiff und Stapellauf.

Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte dann: „Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?“ „Jawoll, Herr Mees, latiensch!“ „So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht Ora et labora, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht Soli deo gloria, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast!“

„Mediis tranquillus in undis: Klaus Mewes: geruhig inmitten der Meereswogen heet dat!“ sagte der Pastor ernst. „Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.“

Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum: „Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter deutscher Spruch stehen!“

„Schallst recht hebben, mien Jung,“ sagte Klaus Mewes, „ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut wi mol sehn.“ Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje: