Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten. „Dat betjen Hoveree,“ sagte er verächtlich, „wat he dor son Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!“ Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.
Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: — dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen, als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
„Mien Jung büst du doch,“ flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das Haar, da regte er sich und sagte halblaut: „U, Vadder, kiek mol dat grote Schipp!“
Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht schon wieder bei seinem Vater an Bord — und du, Gesa?
Fünfter Stremel.
Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht, noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er drinnen hatte, noch springenlebendig waren.
Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun war er eigentlich arbeitslos.
Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. „Speel doch en betjen mit de Kinner,“ sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben — und deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken.
Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen. Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.