„Nu noch ne,“ bremste die Mutter schnell, „is noch veel to kold buten,“ Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre Reise schon mit an Bord.

„Och jo, Vadder! Och jo!“ rief Störtebeker in heller Freude und sprang in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.

Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für Klaus Mewes junior.

Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.

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So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.

„He hett mi förn Narren,“ sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn alle Tage.

Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom Neß, der schon schwamm — das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm fast den Atem! —, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, — aber es war keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.

Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte, unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten.

Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen. „U — en Snilläuper!“ Vorbei braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.