„Nu ist Stallwoter,“ sagte Störtebeker, „kiek, Harm!“ Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser, die still standen.
Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte, dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser, wie sprang, wie lief, wie wallte es!
Flot, Schipper, Flot, Flot!
Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segeln.
Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. „Gliek sünd wi flott, Harm!“ rief er, „kiek mol, wat dat Woter kummt!“ Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen Wasserfläche — und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.
„Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,“ jammerte sein Kamerad, „wi flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!“ „Dat wür scheun!“ sagte Klaus, „kumm hier, ward nix mokt!“ Und er bemühte sich eifriger, den Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. „Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,“ scherzte er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr. „Bang bün ik ober ne,“ sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: „Wi buddelt af, wi versupt!“ klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: „Hilpt uns, hilpt uns!“ Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß, wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert.
Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
„Hilpt uns, hilpt uns!“
„Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!“ sagte Störtebeker barsch, „smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!“