Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln, bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken. Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.

Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam, daß er sich immer wieder wundern mußte. „Dat reckt bit inne Wulken, Vadder,“ sagte er, „uns Karkturn is nix dorgegen.“

„Ree,“ rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der andern Seite voll und der neue Streek begann. „Gohn!“ scholl es über Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.

So ging es die ganze Tide.

Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes, die Berghäuser von Blankenese („dat de dor ne dolpurzelt!“ sagte der Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.

Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.

Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: „Hest ok all Heimweh?“ da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: „Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder?“ — da schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf.

„Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen wedder annen Diek!“ setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von solchem Schnack nichts wissen wollte.

Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen, steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander. Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.

Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht mehr hören konnten.