Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“

„Junge, dat is jo en ganzen Gesang,“ rief Störtebeker, „den kannk ne beholen!“ Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder eingedusselt war: „Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du schullst upstohn?“

„Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam flügst,“ drohte der Junge mürrisch und erhob sich.

Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder über den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt? Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet ist.

Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde. Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter großem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die Sonne ihn abgetrocknet hatte.

Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so: als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten — in die Hände hatte er schon dreimal gespuckt! —, wat meent ji woll: mit einem Mal taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen, bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dünner — was für eine Geschichte. „Minsch, wat kannt angohn,“ rief Störtebeker verdutzt, „wo grot is dat Leck denn wesen?“ „Och so as mien Arm dick is!“ „Son dicke Ool gifft ober ne!“ Kap Horn ließ sich aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! „Veel Pund schull de woll wogen hebben?“ „Dor mutt ik um legen, Störtebeker: Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!“ Der Junge konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: „Jä, nu segg mi ober mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch butenburds?“ Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er tiefsinnig erklärte: „Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom snacken.“

Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und Bierseidel mit den Worten: „Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek funnen hebb!“ Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür