Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen Feste, die nun bald kamen.
Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach dem Mittagessen — gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! — an Deck gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten schlugen mit den Blöcken.
Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.
Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und verzehrte.
„Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,“ rief Kap Horn, aber Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung.
Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete! Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.
Es blieb die ganze Nacht todstill — erst gegen Morgen kräuselte sich die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.
So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: „Utscheiden!“ Sie hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die Reise!
Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl aber auf der Elbe.
Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte: vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.