Lisa: Warum sie euch hassen? Weil ihr euch ihnen entfremdet habt, weil ihr ihrem schweren, menschenwürdigen Dasein keine Teilnahme entgegenbringt! Weil ihr satt seid und gut gekleidet … Der Haß ist blind, aber ihr seid im Licht, er wird euch dennoch sehen.
Wagin: Die Rolle der Kassandra steht Ihnen …
Protassow erregt: Warte, Dimitrij! Zu Lisa. Du hast Unrecht! Wir widmen uns großen und wichtigen Dingen: er bereichert das Leben mit Schönheit, ich erforsche seine Geheimnisse … auch die Leute, von denen du redest, werden mit der Zeit unsere Arbeit verstehen und sie zu würdigen lernen …
Wagin: Ob sie sie würdigen oder nicht, ist mir ganz gleichgültig!
Protassow: Man muß nicht so geringschätzig auf sie herabsehen: sie sind besser, als sie dir scheinen … verständiger.
Lisa: Du weißt ja nichts, Pawel …
Protassow: Nein, ich weiß und ich sehe!! Bei Beginn seiner Rede treten Jelena und Melanija in großer Erregung auf die Veranda. Ich sehe, wie das Leben wächst und sich entwickelt, wie es, sich den unermüdlichen Forschungen meines Geistes beugend, vor mir seine tiefen, seine wunderbaren Geheimnisse enthüllt. Ich sehe mich als Herrscher über vieles und ich weiß, daß der Mensch Herrscher über alles sein wird! Alles, was wird, gestaltet sich harmonischer; die Menschen steigern die Forderungen, die sie an das Leben und an sich selbst stellen … unter den erwärmenden Strahlen der Sonne entwickelte sich einst ein unscheinbarer, formloser Klumpen Eiweiß zum Leben, er vermehrte sich, und aus ihm sind der Adler, der Löwe und der Mensch entstanden; es wird die Zeit kommen, wo aus uns Menschen, aus allen Menschen ein majestätischer, festgefügter Organismus sich erheben wird - das Menschentum, meine Herrschaften! … Und jede einzelne Zelle dieses Organismus, jeder Mensch wird dann eine Geschichte haben, die erfüllt ist von den großen Errungenschaften des Gedankens, unsrer Arbeit! Die Gegenwart - meine Herrschaften, das ist die freie, gemeinsame Arbeit, aus Lust an der Arbeit, und die Zukunft - ich fühle sie herannahen - ich sehe sie - die Zukunft ist herrlich! Die Menschheit wächst und reift. Das ist das Leben, das ist der Sinn des Lebens.
Lisa bedrückt: Wie gerne würde ich daran glauben, wie gern! Holt aus ihrer Tasche ein Notizbuch und schreibt schnell etwas hinein. Melanija blickt beinahe verzückt auf Pawel, was einen fast komischen Eindruck macht. Jelenas zu Anfang düsteres Gesicht wird durch ein melancholisches Lächeln erhellt. Wagin hört mit lebhaftem Interesse zu. Tschepurnoi beugt den Kopf über den Tisch, so daß man sein Gesicht nicht sehen kann.
Wagin: Ich sehe dich gern als Dichter.
Protassow: Die Furcht vor dem Tode - die hindert die Menschen, kühn, schön und frei zu sein. Diese Angst lagert auf ihnen wie eine schwere, schwarze Wolke, bedeckt die Erde mit dunkeln Schatten - und erzeugt Gespenster. Sie läßt die Menschen von dem Wege zur Freiheit - von der großen Heerstraße der Erfahrung abirren. Dieses Gefühl ist schuld, daß die Menschen sich allerhand voreilige, häßliche Vermutungen über den Sinn des Lebens machen, es schüchtert die Vernunft ein und erzeugt den Irrtum. Aber wir, wir, die Kinder der Sonne, dieser hellen Lebensquelle entsprossen, von der Sonne gezeugt, wir werden den schwarzen Schrecken des Todes überwinden! Wir sind Kinder der Sonne! Die Sonne brennt in unserm Blut, sie erweckt in uns feurige, stolze Gedanken, sie durchleuchtet die Finsternis unsrer Zweifel. Die Sonne ist ein Ozean der Energie - der Schönheit, der seelenberauschenden Freude!