Es bleibt noch eine dritte Möglichkeit, nämlich mit der mechanischen Naturauffassung den Zweckbegriff ganz zu eliminieren. Allein die Anhänger dieser Auffassung können der Entwicklungshypothese nicht entbehren und führen mit ihr gleichsam durch eine Hinterthür den Zweckbegriff wieder in die Wissenschaft ein. Die Entwicklungshypothese verlegt die Zielstrebigkeit, die Aristoteles zur Ermöglichung der Selbstentfaltung und Selbstentwicklung für jedes einzelne Naturding in Anspruch nahm, in das Ganze der Natur. Das Niedere ist nach ihr dem Höheren untergeordnet und dient ihm als Mittel zum Zwecke. Man sucht freilich die Zweckmässigkeit mechanisch zu erklären. Nur was seiner Umgebung angepasst und für den Verkehr mit ihr eingerichtet ist, soll daseinsberechtigt und lebensfähig sein. Woher kommt die Anpassung und Einrichtung? Es passt sich selbst an, richtet sich selbst ein; vermöge seines Selbsterhaltungstriebes kommt es zur Selbstentfaltung und Selbstentwicklung. Das ist eben das, was Aristoteles Zielstrebigkeit nennt. Man sagt, das Stärkere erhält sich, weil es besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet ist. Aber das gilt nicht eigentlich vom Stärkeren, sondern vom feiner Organisierten, vom Empfänglicheren, Reizbareren, also von dem Vollkommneren. Dieses ist das Stärkere. Mit andren Worten, die Entwicklung zum Vollkommneren, die Zielstrebigkeit setzt sich durch, hält sich aufrecht. Der Geruchssinn des Parfumeriefabrikanten, der Geschmackssinn des Gourmands, der Gehörssinn des Musikdirigenten, der Gesichtssinn des Mikroskopikers wird durch die infolge der Übung und Gewöhnung wiederholt auftretenden und einander weckenden Empfindungen feiner, zarter, für Unterschiede empfänglicher, keineswegs aber gröber, stärker. Wäre das letztere der Fall, dann liesse sich durch Summierung der wiederauflebenden Empfindungen alles sehr leicht erklären, rein mechanisch; alle Vervollkommnung wäre nur ein Stärkerwerden. Aber es ist anders in der Natur; man [pg 76] kann von einem aristokratischen Prinzip als dem herrschenden, in letzter Instanz ausschlaggebenden reden. Das Bessere, das Vollkommnere gewinnt im Allgemeinen den Sieg, das Stärkere nur ausnahmsweise. Dem gegenüber versagt die mechanische Erklärung. Dass sich das Bessere, Vollkommnere durchsetzt und erhält, scheint ohne Zielstrebigkeit nicht erklärt werden zu können.
Die fortschreitende Entwicklung der Natur ist nicht zu leugnen. Sie vollzieht sich durch Zusammenfassung des Nebeneinanderliegenden, Getrennten zur Einheit, durch Bildung kleinerer Ganzen, z. B. der Himmelskörper im Weltenraum, der Krystalle, Pflanzen, Tiere auf der Erde, und innerhalb dieser letztern durch Herstellung von Mittelpunkten zuerst und dann von Systemen, die das kleine Ganze beherrschen: Ernährungs-, Nerven-, Bewegungssystem. Aber wie langsam geht diese Entwicklung vor sich, ihr Alter zählt nach Jahrmilliarden! Die eigentliche Stätte unablässiger, augenscheinlicher, fortschreitender Entwicklung ist die Geschichte. Insofern kann man sie als die an Intensität freilich alles Vorausgehende hinter sich lassende Fortsetzung der Natur bezeichnen. Auch in ihr handelt es sich um Herausbildung von Einheiten; aber diese Einheiten sind nicht Zusammenfassungen neben- und aussereinanderliegender Teile, sondern Einheiten, die in einem Bewusstsein von sich selbst, an dem alle ihre Glieder teilnehmen, bestehen: Volk, Staat, Gesellschaft, Nation. Einheiten ferner im strengen Sinne, nämlich geistige Einheiten, Persönlichkeiten, welche die eigentlichen Träger der geschichtlichen Entwicklung bilden. Sie sind Träger von Ideen, welche die Massen bewegen. Darin liegt ihre Bedeutung. Die Geschichte bewährt sich gerade durch diese in ihr hervortretenden, in den Persönlichkeiten verkörperten Ideen als fortschreitende Entwicklung. Die Frage, ob es einen Fortschritt in der Geschichte giebt, sollte darum von rechtswegen gar nicht gestellt werden. Für die Wissenschaft und Religion hat man ihn nicht leugnen können; zeitweilige Rückschritte sind nur Anläufe zu kräftiger Erhebung. Man wird hienach nicht bestreiten können, dass die Geschichte einen viel bedeutsameren und gehaltreicheren Erkenntnisgegenstand ausmacht als die Natur. Es giebt ohne [pg 77] Zweifel in der fortschreitenden Entwicklung der Natur etwas Neues, das aus den vorausgehenden Faktoren nicht erklärt werden kann, – das Organische gegenüber dem Unorganischen ist, wie das Tier gegenüber der Pflanze, ein solches Neues – wenn man nicht etwa den Satz ex nihilo fit nihil zu leugnen versucht. Das gilt in noch viel höherem Grade von der Geschichte. Hier ist das Neue an das Individuum gebunden, und die Bedeutung des Individuums bedingt und bestimmt den geschichtlichen Fortschritt.
Fünfundzwanzigste Untersuchung.
Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration.
Es giebt eine alte Unterscheidung von drei Erkenntnisquellen: Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Man begegnet ihr heute nicht mehr. Sie gilt für veraltet. Indes hat sie doch ihr gutes Recht. Die Redeweise: es war mir oder kam über mich wie eine Offenbarung, wird nicht selten gebraucht, und viele werden gestehen müssen, dass sie so etwas wirklich erlebt haben. Man spricht allgemein von einer künstlerischen Inspiration. Die schöpferische Einbildungskraft ist etwas andres. Worin liegt der Unterschied? Was ist unter dieser Inspiration, Eingebung, die als Offenbarung bezeichnet werden muss, zu verstehen?
Es bedarf eines Blickes des Geistes, um das Wesentliche von dem Unwesentlichen in den Dingen unterscheiden, um die Merkmale ihres Begriffes auffinden und entdecken zu können. Nicht jeder verfügt über diesen Blick. Viele bleiben an dem Äusserlichen und Nebensächlichen mit ihrem Denken haften. Wir sagen dann, sie können nicht denken. Wie sie des eigentümlichen Erlebnisses, das wir als Einsicht bezeichnen, ermangeln und sich kaum über die Stufe des bloss associativen Wissens erheben, so fehlt ihnen auch der Blick des Geistes, durch den allein das Wesentliche erfasst werden kann. Eines solchen Blickes bedarf es nun auch, um den Gedanken zu erfassen, der in einem Kunstwerke ausgedrückt ist. Aber für den Künstler selbst, der den Gedanken in dem Stoffe verwirklicht, genügt dieser Blick nicht. Ihm muss der Gedanke gegeben werden. Und das geschieht eben durch die Eingebung oder [pg 78] Inspiration. Sie ist, wie ersichtlich, von dem Blicke des Geistes, durch den wir das Wesen, den Kern der Sache erfassen, verschieden. Dieser Blick orientiert sich an der äussern Erscheinung des Wesens, er ist durch sie bedingt und wird durch sie bestimmt, obgleich er sozusagen durch sie hindurchdringt und über sie hinausgeht. Die Inspiration oder Eingebung hingegen ist ein objektiver Zustand, der ohne unser Zuthun zustande kommt, dem gegenüber wir uns leidend verhalten. Sie setzt natürlich in uns eine Empfänglichkeit voraus, die mannigfach vermittelt ist; ihre Auffassung hängt darum von einer bestimmten Entwicklung des Bewusstseins ab. Man kann die Inspiration mit dem Einleuchten der Zusammengehörigkeit vergleichen und muss dann die Auffassung der Inspiration mit der Einsicht zusammenstellen. Auch bei der Eingebung handelt es sich um Zusammenhänge, um Zusammengehörigkeiten, freilich andrer, höherer Art als bei dem Einleuchten, wie sie beispielsweise das Motto der Goetheschen Iphigenie darstellt: Alles irdische Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit. In der schaffenden Thätigkeit des Künstlers nun spielt vor allem die Inspiration oder Eingebung eine Rolle, sie macht sich die Phantasie des Künstlers dienstbar und lässt sie an seiner Schöpferkraft teilnehmen. Die so schöpferisch gewordene Phantasie schaltet und waltet mit ihrem sinnlichen Stoff gemäss der Eingebung, ihn formend und gestaltend.
Natürlich sagen wir nicht, dass alle Ideen, die unsren Kunstwerken zugrunde liegen oder die in ihnen verkörpert sind, auf einer Eingebung beruhen. Oft ist das Kunstwerk ja nur eine Darstellung des in Erfahrung und Geschichte Gegebenen, freilich so, wie es sich im Geiste des Künstlers spiegelt, wie es seiner Auffassung entspricht. Diese Spiegelung oder Auffassung hängt natürlich, wie die Auswahl der darzustellenden Gegenstände, von der Individualität des Künstlers ab. Man wird demgegenüber schwerlich von einer auf Eingebung beruhenden Idee reden können, wenn man nicht etwa für diese Individualität, wie überhaupt für die Bedeutung des Individuums in der Geschichte etwas der Eingebung Analoges in Anspruch nehmen will, das nicht bloss Gedanken im menschlichen Bewusstsein sondern Wirklichkeiten erzeugt. Abgesehen davon [pg 79] wird man nicht leugnen können, dass vielen Kunstwerken, insbesondere Werken der redenden Kunst, Ideen zugrunde liegen, die auf einer Eingebung beruhen, die mit andren Worten aus dem in Erfahrung und Geschichte Gegebenen nicht erklärt werden können. Das Motto der Goetheschen Iphigenie ist unzweifelhaft eine solche Idee, wenn auch für Goethe diese Idee keine eigentliche Eingebung war, sondern dem reichen Schatze der Eingebungen entnommen wurde, die in der christlichen Religion gegeben sind und deren Mittelpunkt eben diese Idee bildet.
Können wir auch von einer wissenschaftlichen Inspiration reden? Ohne Zweifel müssen wir es! Wird das Forschungsergebnis, zu dem man nur mühsam durch langwierige Arbeit gelangt, nicht meistens schon mit vorausschauendem Blicke vorweggenommen, und ist nicht dieser vorausschauende, das Ergebnis vorwegnehmende Blick der Ansporn, der uns zur Forschungsarbeit drängt, und das Licht, das uns hierbei leitet? Alle grossen wissenschaftlichen Entdeckungen, wie alle Entdeckungen überhaupt, scheinen so auf ursprünglichen Intuitionen zu beruhen, die vielfach Eingebungen sind. Das Ergebnis wird oft erst auf sehr verwickelten und verschlungenen Wegen gewonnen, und doch steht es uns von Anfang an deutlich vor der Seele. Wie ist das zu erklären, wenn das Ergebnis nicht eine Eingebung, Inspiration ist? Wir sprechen davon, dass uns Gedanken einfallen, wodurch der Fortschritt im Denken vielfach bedingt ist. Oft sind das freilich nur Reminiscenzen aus der Lektüre, aus den Gesprächen mit andren, oft nur mehr oder minder berechtigte Verallgemeinerungen, oft blosse Associationen. Aber wir wissen auch, dass das keineswegs immer der Fall ist. Nicht selten tritt uns ein Gedanke, der gleichsam aus der verborgenen Tiefe unsres Innern auftaucht, als etwas durchaus Neues entgegen, für das wir in unsrem bisherigen Geistesleben vergebens nach Anknüpfungspunkten suchen. Solche Gedanken werden wir doch Eingebungen nennen müssen. Das Ergreifen, Erfassen derselben im Bewusstsein ist von dem Blicke für das Wesentliche, der durch die Erscheinung der Dinge und Vorgänge im Bewusstsein bedingt und bestimmt ist, verschieden. Solche Gedanken drängen sich uns auf, werden uns [pg 80] so aufgenötigt, wie wir von den Empfindungen sagen, dass sie uns aufgedrängt, aufgenötigt werden. Von unsrem Bewusstsein scheinen sie nicht hervorgerufen oder erzeugt zu werden; aus ihm scheinen sie nicht hervorzugehen oder zu entstehen, vielleicht aus den uns selbst verborgenen Tiefen unseres Wesens. Durch dieses Sichaufdrängen und Sichaufnötigen, das die auf Eingebung beruhenden Gedanken mit den Empfindungen gemein haben, unterscheiden sie sich insbesondere von dem Wesentlichen, das wir durch einen einfachen Blick des Geistes erfassen, bei dem von einer innren Nötigung, einem innren Zwange nichts zu verspüren ist.
Natürlich bilden auch die eingegebenen Gedanken Zusammenhänge, Zusammengehörigkeiten, sie treten in der Form von Urteilen auf; aber das Einleuchten dieser Zusammengehörigkeit und das mit ihr verbundene Einsehen, der Blick für das Wesentliche verbindet sich nicht ohne weiteres mit den eingegebenen Gedanken, ist auch grundverschieden von dem Sichaufdrängen, das die eingegebenen Gedanken wie die Empfindungen charakterisiert. Wie bei dem Blicke des Geistes für das Wesentliche, so ist auch bei dem ihm folgenden Einleuchten und Einsehen der Zusammengehörigkeit von irgendwelcher Nötigung, irgendwelchem Zwange nichts zu entdecken. Die auf Eingebung beruhenden Gedanken stellen sich meistens dann ein, wenn der Blick für das Wesentliche versagt, sodass ihr Aufleuchten gleichsam einen Ersatz, eine Ergänzung für diesen Blick bildet. Wir kennen das Wesen des Körperlichen nicht, können es vielmehr nur nach seiner Erscheinung in unsrem Bewusstsein charakterisieren und näher bestimmen. Wenn man das Körperliche für den Gegensatz des Geistigen erklärt, so geschieht das auf Grund einer Eingebung in unsrem Sinne; der Erfahrung folgend würde es eher als eine Stufenleiter zum Geistigen hin betrachtet werden müssen. Aber auch diese Betrachtung findet in der Erfahrung keine ausreichende Stütze und muss insofern ebenfalls als Eingebung bezeichnet werden. Natürlich sind solche Eingebungen keine Erkenntnisse; es kommt darauf an, sie zu verifizieren. Die wissenschaftliche Arbeit hat in ihnen wohl einen Ansporn und ein Licht, aber sie beginnt erst mit der Eingebung und muss so lange fortgesetzt [pg 81] werden, bis die Zusammengehörigkeit der Eingebung mit dem Wirklichen einleuchtet und eingesehen wird. Dann erst wird die Eingebung zur Erkenntnis.
Der Ausdruck Eingebung ist insofern ein vorläufiger. Zu einer wirklichen, von der Einbildung sich unterscheidenden Eingebung wird ein Gedanke erst dadurch, dass wir ihn zu einer wirklichen Erkenntnis erheben. Von den beiden Gedanken über das Wesen des Körperlichen, die wir erwähnten, scheint sicher zu sein, dass sie zu wirklichen Erkenntnissen nicht erhoben werden können. Nach dem ersteren Gedanken, der die Natur als Gegensatz zum Bewusstsein fasst, müsste man die Natur etwa als Schranke des Bewusstseins, als symbolischen Ausdruck seiner Endlichkeit auffassen, dem sich dann die scheinbar unendliche Ausdehnung der Natur im Raume als symbolischer Ausdruck ihrer vorgeblichen Unendlichkeit zur Seite stellt. Nach dem letzteren Gedanken müsste man etwa annehmen, dass die Natur in einer stufenweisen Entwicklung allmählich zu einem geistigen Dasein verklärt würde, wie es die Anschauung des neuen Testamentes ist oder zu sein scheint. Aber was in beiden Fällen die Wirklichkeit der Natur eigentlich sein soll, bleibt völlig dunkel.