Der Prinz (sie aufhebend). Ich bin äußerst beschämt.—Ja, Emilia, ich verdiene diesen stummen Vorwurf.—Mein Betragen diesen Morgen ist nicht zu rechtfertigen:—zu entschuldigen höchstens. Verzeihen Sie meiner Schwachheit.—Ich hätte Sie mit keinem Geständnisse beunruhigen sollen, von dem ich keinen Vorteil zu erwarten habe. Auch ward ich durch die sprachlose Bestürzung, mit der Sie es anhörten, oder vielmehr nicht anhörten, genugsam bestraft.—Und könnt' ich schon diesen Zufall, der mir nochmals, ehe alle meine Hoffnung auf ewig verschwindet—mir nochmals das Glück, Sie zu sehen und zu sprechen, verschafft; könnt' ich schon diesen Zufall für den Wink eines günstigen Glückes erklären—für den wunderbarsten Aufschub meiner endlichen Verurteilung erklären, um nochmals um Gnade flehen zu dürfen: so will ich doch—beben Sie nicht, mein Fräulein—einzig und allein von Ihrem Blicke abhangen. Kein Wort, kein Seufzer soll Sie beleidigen.—Nur kränke mich nicht Ihr Mißtrauen. Nur zweifeln Sie keinen Augenblick an der unumschränktesten Gewalt, die Sie über mich haben. Nur falle Ihnen nie bei, daß Sie eines andern Schutzes gegen mich bedürfen.—Und nun kommen Sie, mein Fräulein—kommen Sie, wo Entzückungen auf Sie warten, die Sie mehr billigen. (Er führt sie, nicht ohne Sträuben, ab.) Folgen Sie uns, Marinelli.
Marinelli. Folgen Sie uns—das mag heißen: folgen Sie uns nicht!—Was hätte ich ihnen auch zu folgen? Er mag sehen, wie weit er es unter vier Augen mit ihr bringt.—Alles, was ich zu tun habe, ist—zu verhindern, daß sie nicht gestöret werden. Von dem Grafen zwar hoffe ich nun wohl nicht. Aber von der Mutter; von der Mutter! Es sollte mich sehr wundern, wenn die so ruhig abgezogen wäre und ihre Tochter im Stiche gelassen hätte.—Nun, Battista? was gibt's?
Sechster Auftritt
Battista. Marinelli.
Battista (eiligst). Die Mutter, Herr Kammerherr.
Marinelli. Dacht' ich's doch!—Wo ist sie?
Battista. Wann Sie ihr nicht zuvorkommen, so wird sie den Augenblick hier sein.—Ich war gar nicht willens, wie Sie mir zum Schein geboten, mich nach ihr umzusehen: als ich ihr Geschrei von weitem hörte. Sie ist der Tochter auf der Spur, und wo nur nicht—unserm ganzen Anschlage! Alles, was in dieser einsamen Gegend von Menschen ist, hat sich um sie versammelt; und jeder will der sein, der ihr den Weg weiset. Ob man ihr schon gesagt, daß der Prinz hier ist, daß Sie hier sind, weiß ich nicht.—Was wollen Sie tun?
Marinelli. Laß sehen!—(Er überlegt.) Sie nicht einlassen, wenn sie weiß, daß die Tochter hier ist?—Das geht nicht.—Freilich, sie wird Augen machen, wenn sie den Wolf bei dem Schäfchen sieht.—Augen? Das möchte noch sein. Aber der Himmel sei unsern Ohren gnädig!—Nun was? die beste Lunge erschöpft sich, auch sogar eine weibliche. Sie hören alle auf zu schreien, wenn sie nicht mehr können.—Dazu, es ist doch einmal die Mutter, die wir auf unserer Seite haben müssen.—Wenn ich die Mütter recht kenne—so etwas von einer Schwiegermutter eines Prinzen zu sein, schmeichelt die meisten.—Laß sie kommen, Battista, laß sie kommen!
Battista. Hören Sie! hören Sie!
Claudia Galotti (innerhalb). Emilia! Emilia! Mein Kind, wo bist du?