Odoardo. Da steh ich nun vor der Höhle des Räubers—(indem er den
Rock von beiden Seiten auseinanderschlägt und sich ohne Gewehr sieht.)
Wunder, daß ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hände zurückgelassen!
—(An alle Schubsäcke fühlend, als etwas suchend.) Nichts! gar nichts!
nirgends!

Orsina. Ha, ich verstehe!—Damit kann ich aushelfen!—Ich hab einen mitgebracht. (Einen Dolch hervorziehend.) Da nehmen Sie! Nehmen Sie geschwind, eh' uns jemand sieht!—Auch hätte ich noch etwas—Gift. Aber Gift ist nur für uns Weiber, nicht für Männer.—Nehmen Sie ihn! (Ihm den Dolch aufdrängend.) Nehmen Sie!

Odoardo. Ich danke, ich danke.—Liebes Kind, wer wieder sagt, daß du eine Närrin bist, der hat es mit mir zu tun.

Orsina. Stecken Sie beiseite! geschwind beiseite!—Mir—wird die Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht fehlen, diese Gelegenheit, und Sie werden sie ergreifen, die erste, die beste—wenn Sie ein Mann sind.—Ich, ich bin nur ein Weib, aber so kam ich her! fest entschlossen!—Wir, Alter, wir können uns alles vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget, von dem nämlichen Verführer beleidiget.—Ah, wenn Sie wüßten—wenn sie wüßten, wie überschwenglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm beleidiget worden und noch werde—Sie könnten, Sie würden Ihre eigene Beleidigung darüber vergessen.—Kennen Sie mich? Ich bin Orsina, die betrogene, verlassene Orsina.—Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlassen.—Doch was kann Ihre Tochter dafür?—Bald wird auch sie verlassen sein.—Und dann wieder eine!—Und wieder eine!—Ha! (wie in der Entzückung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal alle—wir, das ganze Heer der Verlassenen—wir alle in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten—um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!

Achter Auftritt

Claudia Galotti. Die Vorigen.

Claudia (die im Hereintreten sich umsiehet und, sobald sie ihren Gemahl erblickt, auf ihn zuflieget). Erraten!—Ah, unser Beschützer, unser Retter! Bist du da, Odoardo? Bist du da?—Aus ihren Wispern, aus ihren Mienen schloß ich es.—Was soll ich dir sagen, wenn du noch nichts weißt?—Was soll ich dir sagen, wenn du schon alles weißt?—Aber wir sind unschuldig. Ich bin unschuldig. Deine Tochter ist unschuldig. Unschuldig, in allem unschuldig!

Odoardo (der sich bei Erblickung seiner Gemahlin zu fassen gesucht).
Gut, gut. Sei nur ruhig, nur ruhig—und antworte mir. (Gegen die
Orsina.) Nicht, Madame, als ob ich noch zweifelte—Ist der Graf tot?

Claudia. Tot.

Odoardo. Ist es wahr, daß der Prinz heute morgen Emilien in der Messe gesprochen?