Tellheim
Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fräulein?
Fräulein (indem sie den Brief wieder zusammenschlägt und zurückgibt). Ich? Nichts.
Tellheim
Nichts?
Fräulein
Doch ja: daß Ihr König, der ein großer Mann ist, auch wohl ein guter
Mann sein mag.—Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein König.
Tellheim
Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rücksicht auf uns selbst?
Fräulein
Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant,
Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen.
Tellheim Und Sie kennen mich nicht besser?—Nein, da mir das Glück so viel zurückgibt, als genug ist, die Wünsche eines vernünftigen Mannes zu befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst noch jemanden wieder zugehören soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Männern nichts als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht für welche politische Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden ehrlichen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraulich zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen, liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft unveränderlich bleiben.—Morgen verbinde uns das heiligste Band; und sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen, dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glückliches Paar. Da wollen wir wohnen; da soll jeder unserer Tage—Was ist Ihnen, mein Fräulein? (Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rührung zu verbergen sucht.)
Fräulein (sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glück so reizend darzustellen, dem ich entsagen muß. Mein Verlust—
Tellheim Ihr Verlust?—Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das süßeste, lieblichste, holdseligste, beste Geschöpf unter der Sonne, ganz Güte und Großmut, ganz Unschuld und Freude!—Dann und wann ein kleiner Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn—Desto besser! desto besser! Minna wäre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren müßte, den ich nicht lieben könnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu küssen.)
Fräulein (die ihre Hand zurückzieht). Nicht so, mein Herr!—(Wie auf einmal so verändert?—Ist dieser schmeichelnde, stürmische Liebhaber der kalte Tellheim?—Konnte nur sein wiederkehrendes Glück ihn in dieses Feuer setzen?—Er erlaube mir, daß ich bei seiner fliegenden Hitze für uns beide Überlegung behalte.—Als er selbst überlegen konnte, hörte ich ihn sagen, es sei eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trage, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.—Recht, aber ich bestrebe mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.—Jetzt, da ihn die Ehre ruft, da sich ein großer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich zugeben, daß er sich verliebten Träumereien mit mir überließe? daß der ruhmvolle Krieger in einen tändelnden Schäfer ausarte?—Nein, Herr Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals—)