Tempelherr.
Sehr wohl gesagt!—Doch kennt Ihr auch das Volk,
Das diese Menschenmäkelei zuerst
Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk
Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?
Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte,
Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes;
Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
Nur sein Gott sei der rechte Gott!—Ihr stutzt,
Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
Die Schuppen nicht vom Auge fallen… Doch
Sei blind, wer will!—Vergeßt, was ich gesagt;
Und laßt mich! (Will gehen.)
Nathan. Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester
Ich nun mich an Euch drängen werde.—Kommt,
Wir müssen, müssen Freunde sein!—Verachtet
Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?
Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch
Zu heißen!
Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
Das habt Ihr!—Eure Hand!—Ich schäme mich,
Euch einen Augenblick verkannt zu haben.
Nathan.
Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
Verkennt man selten.
Tempelherr. Und das Seltene
Vergißt man schwerlich.—Nathan, ja;
Wir müssen, müssen Freunde werden.
Nathan. Sind
Es schon.—Wie wird sich meine Recha freuen!—
Und ah! welch eine heitre Ferne schließt
Sich meinen Blicken auf!—Kennt sie nur erst.
Tempelherr.
Ich brenne vor Verlangen.—Wer stürzt dort
Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?
Nathan.
Jawohl. So ängstlich?
Tempelherr. Unsrer Recha ist
Doch nichts begegnet?
Sechster Auftritt