Der Verfasser
Jacobine von Baiern.
Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz entsaget.
Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden, war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen, daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren, allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.
Jacobine, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der Margaretha Herzogs Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten, sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398. gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung. Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart sprach.
Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben, sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm als dem Dauphin zugefallen wären.
Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes zu rühren.
Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht, und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte Barbette in Paris meuchelmörderischer Weise umbringen.[B]