Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen Vergleich.

Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach, mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept. 1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D]

Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte. Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.

Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort; denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat, ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. — Ihre Vorsicht scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. — Thun Sie nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.

Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen, Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung, antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen; denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? — Ihre kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in Ihren Staaten zurück bleiben. — Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er recht geurtheilt habe.

Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender, und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen, leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen, doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.

Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete, wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren Vetter hatte.

Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.

Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine, die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt schon vergißt. — Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß, da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. — Um Dich wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. — Nun gut Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein, nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind, werden mögen.