Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der, wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung, ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant sei hingerichtet worden.
Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater, der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige Erbin aller seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame, in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.[F] Die Verlegenheit, in welche diese beiden Wittwen hierdurch versezt wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte, sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar, ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod sind Sie frei; Sie können daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden, wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine; allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt, daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten. Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen, erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen; je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten vermag, desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei, sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen, der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, — mich dieses Ausdrucks zu bedienen — wie ein unvernünftiges Thier, und urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach haben sollte. Die Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten kann man sie zur Einwilligung bringen; — Wir haben tausend Beispiele von dergleichen Ehen. — Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die Achseln zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen Mutter den Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.
Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe, verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang; und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn nachdem Du mir sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte. Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret, erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen, daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen, antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.
Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz die Einwilligung und Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.
Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich, indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten und wahrscheinlichsten Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch erfüllet.
Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte, und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war, schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog, unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen, und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei, so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif that daher die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen, welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus: Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. — Nach diesen Worten eilte Jacobine, von Schmerz durchdrungen, zu ihrer Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen, daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde. Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm verlangte, wirklich that.
Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen, der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen, und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen, innerlich erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz genugsam dafür belohnet worden. — Bei diesen Reden der von Degre, seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben, auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte, sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken, daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige verliebte Schmeicheleien vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge, dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen, und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf meine Schönheit einzubilden. — Ich kan zugleich meinem Herrn dienen, erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können; kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen; und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset, verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht. Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte, und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre. Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit, den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit als vorher an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre Gebieterin? — Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie mir aufgetragen hat, abzustatten. — Bleiben Sie einen Augenblick, sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte inständigst. — Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. — Nicht auf diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein würde, will ich solche nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. — Glauben Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten Beobachter. — Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. — Dieses würde ein Wunder und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre, Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können, werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr gering sind, vermögen. — Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug, mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe es ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin erweiset.
Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber! versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat. Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so unverschämt sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die ich ihr schuldig bin, belohnet werde. — Mit freudigem Herzen nehme ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe, versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.
Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war, saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen gelehrt? Begehe ich einen Fehler, wenn ich sie liebenswürdig finde, so fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte, als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. — Verlieben Sie sich nur nicht in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken, und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend, wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? — Wenn Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete der Herzog, würden Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. — Sein Sie desfalls ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.[G]
In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch lange genug, bis sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet. So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin, ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.