So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte sein Ansehen immer weiter und auf den höchsten Gipfel bringen. Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen. Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte, überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte, und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe, es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.
Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher den Uebermuth des Beghe und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden, wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an: Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen. Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen entstehen werden, und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen, wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. — Lieber Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja! selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet; und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen sein werde, wird es Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen, und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost und Hülfe suchen? — Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe entledigen. — Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? — Dieses ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder! schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker nicht werden. — Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft mißbraucht man Ihre allzugrosse Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.
Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an. Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden, und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen, und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm ein gleiches widerfahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche durch seine eigne.
Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es, Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen. Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben, und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch — Ich habe Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr, Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin finden. — Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. — Sie werden wohl thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich, daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt sich wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.
Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.
Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung; der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust des Verstandes vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und, da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.
Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt, machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung, und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein? — Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemänner, besonders die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren, und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird. — Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben, das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog, das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden? — Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin. Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf setzen, die niemals entstehen werden. — Ha! Madame, erwiederte die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. — Sie legen mir also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen, und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. — Hierauf verlies sie das Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen sein. Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! — Ich gestehe aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen. Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln. Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt, noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an dieses Verfahren denken. — Laß mich! rief die Herzogin schluchsend, laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können. Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame! sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren müssen? — Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug. Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht unbekannt war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam? Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet, und Ihre Vorschriften befolget hat. — Ha! Grausamer, welche Folgen von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft, Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe, und auf den ich von Grund der Seele Verzicht thue.
Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte. Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin; allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen verursachen. — Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von Degre ohne alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die Schuld selbst beimessen. — Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin. Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern, wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. — Die von Degre, die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher Weise zog sie der Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.
Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme. — Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen Sache fassen? — Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin; allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr schuldig bin, befreien. Ob sie mich gleich verlassen hat, muß ich sie doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. — Climberge befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren. Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit; sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon gethan hat. — Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung meiner zärtlichsten Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert, um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen. — Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen, als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer Bemühungen abwarten.
Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund, ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war, fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil der Herzogin gereichen konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten, sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren, anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.