Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden, antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm vorgeschlagen habe. — Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen, als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange überdacht hatte, faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen. Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London glücklich anlangte.

Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit und galante Lebensart an demselben.[H] Humphrei, Herzog von Glocester, des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England. Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln; selten sahe er ein schönes Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte bald den Unterschied, der zwischen einem großmüthigen Beschützer und einem unwürdigen Gemahl ist.

Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude, daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen weniger Zeitlebens verknüpft? — Nein Madame! antwortete die Climberge, er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben; und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. — Schweig! und verschone mich mit deinen Träumereien, erwiederte die Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre, daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben. Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten, und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden. Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts in der Welt davor schützen kann. — Also Madame! erwiederte Climberge, Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß die eingebildeten künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten, gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen, daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine Schonung mehr schuldig. — Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin, wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte ich alles dulden müssen, seine Unbeständigkeit, seine Verachtung, ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich war zu schwach, ihnen nachzuahmen. — Setzen Sie noch hinzu Madame, unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und Ihnen alle Drangsale anthun wird.

Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren, so würde ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden sein. — Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge, die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen, stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller meiner Bedürfnisse, schuldig sein. — Die Staatsklugheit, erwiederte der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. — Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen; denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene Dankbarkeit entgegen zu setzen. — Madame! erwiederte Humphrei, so grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig: denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll, den jedes empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten schuldig ist. — Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen, vereiteln und sich verdächtig machen würden. — Sie könnten, Madame! unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher, Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. — Ganz mißfiel Jacobinen (die wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden. Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was! sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird, und gewis nach keinem andern mehr geizen. — Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden? Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst, und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark, so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen, dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. — Ich glaubte nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen der Herzog, daß Sie in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?[I] Wir haben Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind, die Macht, auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten wir uns bemühen, die Gültigkeit ihres Berufs zu untersuchen? Steht mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen Martin mit seinen Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß von allen denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die mir erwiesene Güte zu bereuen.

Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer, hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen, wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich erschüttert war, wollte er vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.

Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich gemacht hat, zu entsagen? — Ich verabscheue ihn auch, erwiederte Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner Unschuld, würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. — Aber Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater, Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben, was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von Glocester? — Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine, ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. — Also Madame! unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie sich keines derselben bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen, hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie, Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie schon so viel gelitten haben, befriedigen. — Climberge! erwiederte Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich sein müssen, zernichten? — Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht dahin genommen hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in dergleichen Fall unterlies.

Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von Brabant zurückfallen werde.

Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu geben.

Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von Glocester unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben, und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben, berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere Leiden in der Welt zu erdulden hätten.

Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf. Das Concilium zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht, der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal! Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? — Sie bereuen also, daß Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet, und was kann ich mehr thun als Ihnen die theure Versicherung zu geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize, die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. — Sie bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte der Herzog seufzend, und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung, die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.