Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich, die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden wären.

Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt habe, unzulässig sei.

Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.

Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede, erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten. Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen, nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. — Der Herzog, ganz von der Degre geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung, versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an; schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen zu können.

Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war. Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein; die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog, frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern. Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders; allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.

Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen. Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich wäre.

Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen; wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker, als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais über.

Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht nehmen.

Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen. Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf keine Weise unserer zu schonen. — Madame! erwiederte Jacobine, es wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein, was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben, alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte übertroffen haben. — Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin: Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten vorwerfen werden. — Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine, will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen; allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten, dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? — Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles, was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.

Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten, indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht hätte.