Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen, den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin, Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu beziehen.

Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge, begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.

Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!

Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr, so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen; denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht. So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen? Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel, den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat, nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste. Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte, würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen. Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken. Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz tiefsinnig.

Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.

Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.

Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:

„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen, das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige, getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen. Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung, daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c. Jacobine.“

Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte, beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an, nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig bedient ward.