Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel, Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war. Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben, sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war, wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen. Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen sollten.

Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden. Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge, und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen. Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.

Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants, an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer, wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen. Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.

Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht. Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem. Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte, wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten, und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge! sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen. — Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In beiden Fällen sind Sie unschuldig. — Ich war zu leichtgläubig und zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht vorzuwerfen.

Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte, verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden, erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren Vorwürfen so überrascht hatte.

Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe, verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte, glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.

Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten, deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz zueignete.

Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden, gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen.

Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund, ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte, zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im Triumpf, mit sich nach Bergen.