Man nennt diese Grabhöhlen die Gräber der Könige. Welcher Könige? Die des Reiches Juda wurden großentheils in der Stadt Davids begraben (Könige XIV. XV. — II. Könige VIII. IX. XII. XIV. XV. XVI. XXI.); Ausnahme machten Manasse, Amon, Josias, die im Garten Usa begraben wurden. (II. Kön. XXI. II. Chron. XXXV.) Lag dieser auf der Flachhöhe, so kann die obige Bezeichnung allerdings eine richtige seyn, und würde sich dann auf die genannten Könige dieses Reiches anwenden lassen. Schon Joram und Joas waren nicht in den Gräbern der Könige beigesetzt worden (II. Chron. XXI. XXIV.), und von Usias sagt die Chronik: »und sie begruben ihn bei seinen Vätern im Felde bei dem Begräbnisse der Könige.« (XXVI. 23.) — Die Gräber der Makkabäer können diese nicht wohl seyn, da dieselben vom Meere aus sichtbar gewesen seyn sollen. Nicht unwahrscheinlich sind es die Gräber der Familie Herodes, die Josephus als im Norden der Stadt gelegen schildert. Mir schienen Anlage und Verzierung aus römischer Zeit, obwohl nicht durch römische Hand bewirkt. — Pausanias (VIII. 16) und Josephus (Ant. XX. 2) sprechen auch von bewunderungswürdigen Gräbern der Helena, Gemahlin des Monobazus, Königs von Adiabene, die im ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung lebte, sammt ihrem Sohne Itazes nach Jerusalem zog und dort die jüdische Religion annahm. Drei Pyramiden sollen über ihrer Grabstätte, drei Stadien weit von der Stadt, aufgerichtet worden seyn. Die Pyramiden bestehen nun freilich nicht mehr, was nichts für die Bezeichnung unserer oben beschriebenen Ruhestätten beweiset. Diese letzteren sind aber für eine weit größere Zahl von Leichen eingerichtet. Pausanias spricht von einer besondern Schließungsweise der Grabstätte dieser Königin, und der Mönch Bernardino von Gallipoli in seinem sonst verdienstlichen Trattato delle piante ed immagini de' sacri Edifizi di terra santa, Firenze 1620, erzählt bei Schilderung der Spelonche Regie von etwas ähnlichem. Ich habe davon nichts gesehen, und finde überhaupt seine Zeichnung dieser Gräber ganz und gar unpassend auf diejenigen, die man mir und Andern als die Gräber der Könige wies.

Eine Stunde weiter gegen Nord, wo sich die Flachhöhe, der Spitze des Kirchleins Samuels gegenüber, senkt, und ein Thal nach Osten ausläuft, sind die Gräber der Richter. Der Eingang ist mit Akanthus im Fries und Tympanum verziert; eben so die kleine Pforte, die aus dem fünf Schritte tiefen Atrium in ein Gemach, zu 29 Fuß 8 Zoll ins Gevierte, führt. In diesem sind in der linken Seitenwand, in zwei Reihen über einander, dreizehn Geschiebe, d. i. wagrechte Löcher, 16 Zoll breit, 26 Zoll hoch und 7 Fuß 6 Zoll tief, unten eben, oben gerundet und jedesmal vorne in ein vertieftes Rechteck eingefangen. In jedem Geschiebe war nur für eine Leiche Raum, und zwar ohne Sarg; man wickelte dieselbe wahrscheinlich in Leinen und gab Spezereien hinzu. (II. Chron. XVI. 14.) Die Eingangswand dieses Gemaches, das eben hoch genug ist, um darin stehen zu können, hat zur Linken ebenfalls ein solches Geschiebe, zur Rechten aber ein anderes Gemach und zwar eingesenkt. Durch die rechte Seitenwand kommt man in ein Gemach, das unten neun Geschiebe, oben aber eine breite Steinbank ringsum zeigt, als habe man da die Leichen erst umwickelt und bereitet, bevor man sie in ihre letzte Wohnung schob. Durch die Hinterwand gelangt man in ein Gemach mit zwölf Geschieben oben und neun unten, und durch eine Stiege links zuerst in eines zu drei und dann in ein anderes zu dreizehn Geschieben.

Ich halte diese Gräber für weit älter als die früher beschriebenen. Sie sind auf wenig Raum berechnet. Ähnliche gibt es auf der syrischen Küste, gegenüber der Insel Ruad (Aradus), bei Sidon und in der Nähe von Damaskus. (Maundrell, Voyage d'Alep à Jérus. 1525) Ich erinnere mich in keinem anderen Lande deren gesehen zu haben.

Nicht ferne von den Gräbern der Richter (mir unbekannt, warum man sie so heißt, denn die Bibel gibt nirgends einen Wink hievon) ist eine in den Felsen gehauene Cisterne. Eine genaue Untersuchung der Höhlen, Gräber, Nischen, Cisternen und anderen Behälter des weiten Feldes im Norden Jerusalems müßte eine lehrreiche Ausbeute geben.

Ich brachte den Abend dieses Tages mit einem seltsamen Manne zu, Joseph Wolff, Missionär in Jerusalem, und seiner Gemahlin Lady Georgiana Wolff, der bei einem ungeheuren Wissen und einem Muthe, der des edelsten Märtyrers würdig wäre, eine Menge von Narrheiten im Kopfe hatte; eine Vermählung, die man so häufig in ausgezeichneten Köpfen sieht, und die für die nahe Verwandtschaft des Wahnsinns mit dem Verstande zeugen. Er und seine Gemahlin weihten sich in Jerusalem der Judenbekehrung, und er hatte deßhalb eine freie Ausforderung an alle Schriftgelehrten dieses Volles ergehen lassen und war zu jeder Stunde bereit, Mann gegen Mann, den Kampf aufzunehmen. Er versicherte mich mündlich und schriftlich, daß, Daniel zufolge, in siebzehn Jahren alle Juden Christen seyn würden. Ohne die Bekehrung überhaupt in Zweifel zu ziehen, rieth ich ihm aus Freundschaft, die Frist der Prophezeiung wenigstens um hundert Jahre hinaus zu rücken. Ich glaube, daß man mir auch hierin nicht Unrecht geben, noch meine Absicht verkennen wird.

Der Vorsteher der katholischen Gemeinde in Jerusalem bewahrt als Bevollmächtigter des Papstes im heiligen Lande das Recht der Ertheilung des Ordens vom heiligen Grabe, der von Gottfried von Bouillon im J. 1099 gestiftet worden ist, und dessen Statuten mehrere Päpste, namentlich Benedikt XIV. erneuerten und festsetzten. Der Vorgang bei Aufnahme in diesen Orden, die auch mir zu Theil wurde, ist ob der geschichtlichen Erinnerungen und der Stelle, wo sie geschieht, ergreifend. Wir versammelten uns hiezu eines Morgens vor Sonnenaufgang am Allerheiligsten, und zogen sodann in die den Katholiken zugehörige Kapelle im Tempel. Alle versammelten Mönche und Brüder beteten laut. Dann setzte sich der Abt des heiligen Landes auf einen Thronsessel. Kniend vor demselben, spricht der Aufzunehmende den Schwur des Bundes in seine Hände. Ein Mönch gürtet dem Ritter sodann die Füße in seidene, goldverbrämte Kamaschen und schnallt die Spornen Gottfrieds von Bouillon demselben an. Diese sind aus Metall, ganz einfach, stark, 8 Zoll lang, wovon 5 auf die Spitze kommen, mit einem scharfen Stern, dessen Dornen 1 Zoll 4 Linien Länge haben. Das Schwert Gottfrieds, eine 30 Zoll lange, zweischneidige, flache Klinge mit 5 Zoll langem einfachen Kreuzgriff, dessen Querarme nach unten etwas eingekrümmt sind, in einer Lederscheide, Knopf und Beschläge aus Metall, wird entblößt in die Hand gegeben, darin umgürtet; endlich empfängt man um die Brust Gottfrieds Kreuz, aus Metall mit Granaten geziert, an langer, metallener Kette hängend. Zwischen jedem Abschnitte der Ceremonie finden Gebete Statt, und zwischen den beiden letzten der eigentliche Ritterschlag mit Gottfrieds Schwert auf Haupt und Achseln, worauf man von allen Brüdern und Mönchen umarmt wird und sie umarmt. Vormals geschah die Aufnahme in diesen Orden vor dem heiligen Grabe selbst, jetzt aber findet sie in der katholischen Kapelle bei verschlossenen Thüren Statt. — Während dieser Scene hörten wir Gepolter über uns. Was war es? — Pferdegetrappel; denn die Türken haben Stallungen gerade über dieser Kapelle.

Um der seltsamen, die Zeit der Stiftung malenden Privilegien und Pflichten willen, gebe ich in Folgendem das Diplom des Ordens, das mir überreicht wurde.