Aus dieser Folge ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit folgende Bestimmung: das Schafthor ist (Joh. V.) das heute nach dem heil. Stephan genannte. In den Raum von diesem bis zum Südostwinkel der heutigen Stadt fielen das Fischerthor und das alte Thor. Der Südostwinkel selbst ist die breite Mauer. Durch die Südseite gingen das Thalthor, das Mistthor (Porta sterquilinia), das Brunnenthor. Der Garten des Königs lag zwischen den Quellen Siloe und Rogel; an dieser letztern, die Schlucht hinauf, führten die Stufen zur Stadt Davids, die also, im weiteren Sinne des Wortes, den ganzen auf dem Sion gelegenen Theil von Jerusalem in sich begriff. Die Gräber Davids, worunter nur dann die eigentlichen Königsgräber zu verstehen sind, wenn man die Bezeichnung: »die Stadt Davids,« so oft im obigen Sinne versteht, als die Bücher der Könige sagen, »und wurde begraben in der Stadt Davids,« waren sonach an der Stelle, die man heute noch dafür bezeichnet. — Der Teich, oder vielmehr das Becken Asuja ist das in der Schlucht vor der Westseite, oder das etwas südlicher liegende. Die Burg der Krieger bezeichnet insbesondere das Schloß oder die Stadt Davids im engeren Sinne. Das Rüsthaus muß am nordwestlichen Abhange des Morija gelegen haben. Das Königshaus ist eines der Nebengebäude des Tempels. Das Wasserthor fällt in die Thalung nach dem heutigen Thore von Damaskus; das Roß- und Rathsthor in die Nordseite.
Die Bibel nennt aber noch einige andere Thore: nämlich das Thor Ephraim und das Eckthor, vierhundert Ellen von einander abstehend (II. Könige, XIV. 13); das Kerkerthor (Nehem. XII. 39); das Ziegelthor (Jerem. XIX.); das Thor Benjamin (Jerem. XXXVIII. 7); das innere Thor (Hesek. VIII. 3).
Schon aus dem Umstande, daß Joas, König von Israel, die Stadt zwischen dem Thore Ephraim und dem Eckthore angriff, beweiset sich, daß dieselben höchst wahrscheinlich an der Nordseite sich befunden haben. Das erstgenannte als ein kleineres ist vielleicht erst in späteren Zeiten wieder erneut worden, und wahrscheinlich ein und dasselbe mit dem heute sogenannten. Das Eckthor scheint nahe am Thurme Tankreds gewesen zu seyn, der die Nordostecke der heutigen Stadt bildet und 430 Schritte vom Pförtchen Ephraim absteht. Das Kerkerthor scheint ein inneres gewesen zu seyn, oder im Winkel nach der Schädelstätte gelegen zu haben. Das Ziegelthor, als nach dem Thale Ben Himmon sehend, fällt in die Südseite, und ist wahrscheinlich eines und dasselbe mit dem Brunnenthore. Die beiden anderen scheinen gleichfalls innere Thore, und deuten auf Mauerabschnitte innerhalb der Stadt, wie man deren heut zu Tage noch in allen orientalischen ummauerten Städten sieht. —
Außerhalb der Stadt zwischen dem Thore von Damaskus und der Pforte Ephraim, auf einen Steinwurf vom Graben, hebt sich ein niederer felsiger Hügel. Darin befindet sich eine Grotte, deren Eingang der Stadt zugewendet und durch ein schmales Gärtchen und dessen Umfangmauer geschlossen ist. In dieser Grotte soll Jeremias seine herrlichen Klaglieder verfaßt haben, die, so wahr am heutigen Tage, mit den Worten beginnen:
»Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war! Sie ist wie eine Wittwe. Sie, die eine Fürstin war unter den Heiden und eine Königin in den Ländern, sie muß nun dienen!«
Jetzt wohnt ein muselmännischer Heiliger in dieser Grotte und verkauft Grabstellen in ihr und im Gärtchen, so davor liegt. Der innere Raum der Grotte ist fast rund, zu zwei und vierzig Schritte Durchmesser, von zwei massiven Pfeilern getragen, in der Mitte etwa 30 Fuß hoch. Der Meißel hat der Natur nachgeholfen. Rundum an der Wand, 1-1/2 Fuß über dem Boden, laufen einige Zoll hohe Durchzüge im Stein, so daß man ringsum ein Seil ziehen könnte. An dem rechten Pfeiler haben die Muselmänner einen Gebetplatz.
Die Flachhöhe im Norden der Stadt, die auf eine Stunde Länge fast eben so viele Breite hat, ist ein Gemenge von Felsspitzen, die von zwei bis zwanzig Fuß über den Boden ragen, und zwischen denen Saaten und Öhlbäume stehen. Fast jede dieser Spitzen zeigt den Eingang in eine Todtenkammer, in die man bald ebenen Fußes geht, bald abwärts steigt. Die Eingänge sind jederzeit rechtwinkelig, manchmal mit einem Fries und Tympanen versehen, meist aber unverziert. So viele davon ich auch besah, ich konnte nirgends eine Inschrift entdecken.
Die Beschreibung zweier genügt, um die übrigen zu kennen. Nicht ferne von der Grotte Jeremiä ist eine Nische, fünfzehn Schritte breit und vierzig lang in den Felsen gehauen, in deren linker Wand ein nur wenige Fuß hoher, gewölbter Durchgang sich befindet. Durch diesen tritt man in einen Hof zu vierzig Fuß ins Gevierte, von geglätteten Felswänden umfangen. Durch die südliche Wand, siebzehn Schritte breit, ist der Eingang in ein Vorgemach, das sieben Schritte Tiefe hat. Das Fries über dem Eingange ist von feiner Meißelarbeit; es besteht zu oberst aus mehreren Leisten, dann folgt eine Reihe Triglyphen, die mit Blumenkränzen, Rosen, Trauben, Palmen- und Akanthuszweigen wechseln, und darunter eine Rinne mit Tropfen unter den Triglyphen und Zweigen; weiter ein schönes Band aus Weinblättern, Granatäpfeln, Blumengewinden und Pinienfrüchten, endlich der gewöhnliche Architrav. Diese Zierden sind hoch und schön ausgehauen; ihre Wahl und Anordnung erinnert an die Schilderung der Meißelarbeiten im Tempel des Salomon, so wie die Bücher der Könige sie geben. Das Vorgemach ist unverziert. Durch den Boden desselben, zur Linken, kriecht man in ein Loch, das bis 8 Fuß Länge und 2 Fuß Höhe haben mag, und kommt in ein Gemach zu 22 Fuß ins Gevierte. Dieses hat in der Hinterwand zwei Thore. Das linke führt in einen Saal, in welchem die Eingänge zu sechs Gemächern, jedes für zwei oder drei Leichenstellen, sich finden; das rechte in einen ähnlichen Saal, das außer den sechs Seitengemächern noch eines acht Stufen tief unter sich hat. Durch die rechte Seitenwand des ersten Gemaches kommt man in ein anderes zu 15 Fuß ins Gevierte und 10 Fuß hoch; aus diesem aber in zehn Seitenkammern.
Alle diese unterirdischen Gemächer sind in den Felsen gehauen, und gegen unsere Grüfte gehalten eben so wunderbare Werke, als die ägyptischen durch Pracht, Ausdehnung und Zierath solche gegen die jüdischen sind. Die Thore haben nur 2 Fuß 6 Zoll Breite und sind oben gerundet. Die Thüren liegen häufig darneben. Jede besteht aus einem einzigen starken, einfach verzierten Steinblocke. Jedes Gemach hat in der Mitte des Bodens eine Rinne, 8 Zoll breit und eben so tief; jeder Saal in der Mitte eine Vertiefung, so zwar, daß nur längs den Wänden der höhere Auftritt besteht. Sehr merkwürdig sind die Leichendeckel, die in einigen Kammern noch ganz, in andern in Trümmern zu sehen sind. Sie haben 7 Fuß Länge, aber nur 11 Zoll Breite und sind innen ausgehöhlt, außen aber mehr oder weniger fein mit Eichen- und Weinblättern, mit Blumen und Früchten verziert. Sie müssen unmittelbar auf den Leichen geruhet haben. In der Wand zur Seite der Schlummerstätte ist nicht selten eine kleine, seichte, dreieckige Nische, gerade groß genug, um eine Lampe zu fassen. Man sieht den oberen Winkel nicht selten noch geschwärzt.