Die Bedrückungen, welche Abdallah, Pascha von Akka, Tripolis und Seida, gegen viele in Palästina wohnende und des Schutzes Sr. Majestät des Kaisers genießende Christen und Juden sich erlaubte, veranlaßten im März 1829 meine Sendung nach diesem Lande. Er hatte die Freizügigkeit von Ort zu Ort mit Fesseln belegt, den Handel willkürlich beschränkt, dem k. k. Konsul von Akka eine bedeutende Geldsumme abgezwungen, ihn und dessen Familie mit Schimpf und Gefahren bedroht, endlich sogar zur Flucht in die Hände aufrührerischer arabischer Stämme nach Nazareth genöthiget, die Flagge Sr. Majestät, vor bald tausend Jahren auf den Wällen von Akka gegründet, vom Konsulate herunter reißen lassen und jede Verbindung mit unseren Kauffahrern einzig auf seine Willkür gesetzt. Diese Übelstände auszugleichen war mein Auftrag.

Ich ging zu Ende März von Smyrna mit der k. k. Korvette Veloce unter Segel. Der Himmel war trüb und es stürmte heftig aus Süd und Südost. Ich hätte klüger gethan, zwischen den Inseln von Vurla oder auf den Untiefen von Smyrna den Wechsel des Windes abzuwarten; aber gewohnt an die See, gefiel mir besser, dieß im Freien und unter Segel zu thun. Am Abend des 31. März war ich in den Gewässern von Ipsara. Die See ging hohl und es hing furchtbar schwer und schwarz ringsum am Himmel. Dabei regnete es und warf zeitweise Schnee und Hagel, so daß wir, überdieß von den über Bord schlagenden Wellen fortwährend durchnäßt, ungemein an Kälte litten. Wir hatten noch die Wahl, nach Phokäa, einem geräumigen Hafen der asiatischen Küste, oder in die Straße zwischen dieser und der Insel Lesbos zu flüchten; aber beide Richtungen hätten uns weit vom Wege abgebracht. Wir sagten uns, daß unser Schiff gut sey und auch die schwärzeste Nacht zu Ende gehe, und beschlossen die See zu halten. Um Mitternacht sprang der Wind nach Südwest um, und ging in Stöße über. Die See begann zu stäuben und zu kochen; das Schiff, ohnedieß sehr zum Rollen geneigt, arbeitete schrecklich. Vieles Tauwerk riß und wurde nur mühsam ersetzt. Wir zogen nach und nach alle Segel ein bis auf die Marsen des Haupt- und des Fockmastes. Um 4 Uhr war die Wuth am höchsten. Es versuche keine Feder, die Kraft des Elements zu malen, das plötzlich, wie lebendig gewordenes Gebirge, sich hebt und einherschreitet! — Der Mensch kann in solcher Stunde nichts mehr thun, als in die Treue seiner Breter und in Gottes Gnade hoffen. — Bei den gewaltsamen Schwingungen der Masten, und dem Froste, der die Glieder lähmte, wurde unsere Mannschaft nur schwer der Marssegel Meister, an welchen wir das letzte Reff nehmen ließen. Wir versuchten noch, gegen Sturm und See, die Richtung Südwest zu erzwingen und hielten uns hart an beide, bis endlich der Tag anbrach. Eine graue Verheerung — ein Chaos, wo alle Atome im Aufruhr stehen, umgab uns; Himmel und See lagen fest auf einander. Indessen, man sah doch! und die Blitze, diese Mitverschworenen des Schreckens und des Todes, übergossen zwar noch unsere Wangen mit Gluth, hatten aber über unsere Augen die verwundende Macht größtentheils verloren.

Um 1/2-6 wurde es plötzlich lichthell im NNW. Aber es war kein tröstliches Licht, sondern jener weiße Leichenglanz wie an Sternen, die verlöschen. Es thürmte sich schnell über einander und stand aufgerichtet wie ein Riese da. Alle Blicke starrten darauf. Jetzt begann es sich zu neigen und zu bewegen, und Blitze zuckten von Zeit zu Zeit daraus. Noch hofften wir, der Ouragan und diese ungeheure Wassermasse, denn das war es, würden nach einer, uns nicht gefährlichen Richtung getrieben; und wir durften dieß hoffen, so lange der Sturm noch in SW. fest stand. Aber wer schildert die Angst, als wir den Wind matter werden und immer westlicher abfallen sahen, und nicht mehr zweifeln konnten, daß der Ouragan den Sturm übermeistere! Wir konnten unsere Kanonen gegen die herannahenden Wasserhosen nicht brauchen wegen dem entsetzlichen Schwanken des Schiffes, das nun, da der Wind todt geworden war, die See aber noch den Andrang aus SW. behielt, uns alle fast betäubt schlug. Es nahte und nahte immer schrecklicher — und zerplatzte und richtete sich ohne Unterlaß wirbelnd auf; — jetzt war es da, faßte uns am Steuerbord — riß dessen ganze Bekleidung ein — brach die Ketten und Gurten ab, an welchen der Anker außen am Bug hing, und warf diese Last nach innen ins Schiff, so daß sie das Verdeck durchschlug — brach eben so die schweren Taue durch, womit die Boote im Schiffe befestiget lagen — riß diese und eine Menge Gegenstände mit sich fort, — zerbrach den Matrosen, die sich nicht schützen konnten, Arm und Beine, — öffnete die festgeschlossenen Lucken der Kajüte und der Offiziersgemächer, — füllte diese Räume und das ganze Verdeck mit Wasser und legte das Schiff auf die Wellen, so daß das Steuer nicht mehr griff. In dieser entsetzlichen Noth hatte Jeder so viel mit sich zu thun, daß kaum Einer an den Tod dachte. Die Einen schwammen auf dem Verdecke und suchten sich an Seilen zu fangen; die anderen tauchten aus den Lucken empor; die dritten klammerten sich fester an die Gegenstände, die ihnen zur Rettung gedient hatten; eine Zahl war betäubt durch den Schlag und durch die Wunden, und wußte gar nicht, was geschah; einer der Offiziere, der Lieutenant Sandry, war über Bord geschleudert worden und hatte sich wunderbar an einem Stricke im Fluge gefangen. Ich hielt mich an den Arm des Steuers und dachte in mir: »also noch fünf oder sechs Sekunden, und wir sind versunken!« —

Durch ein Zusammentreffen von Glück und Besonnenheit wurde das Schiff gerettet. Die Veranlassung hiezu war eine natürliche, aber ich traue keinem Menschen auf dieser Erde die Kraft zu, in solchem Augenblicke dies Natürliche anders als durch Instinkt zu errathen. Die Wassermasse, die uns umgeworfen hatte, war aus NNW. gekommen; die See kam, wie oben gesagt, aus SW. und zwar mit der Geschwindigkeit von sechs bis sieben Meilen. So wie die Wassermasse gegen die See anstürzte, lehnte sich diese ihr entgegen auf und dieser Rückstoß richtete uns empor. In diesem Augenblicke, da das Steuer wieder griff, hatte der Steuermann die Besonnenheit, es herumzuwerfen, so daß das Schiff die See in Rücken bekam und alsogleich von ihr getrieben wurde. Nun schlugen wir alle, ohne Wink oder Befehl, sondern durch den richtigen Takt getrieben, die Kanonenpforten backbord ein, und machten dadurch möglich, daß das Verdeck sich entleere und das Schiff Athem bekomme. Wo sind wir? — wohin? waren die ersten Fragen, die wir mit heiterem Auge, in dessen Winkeln noch der Schrecken nachglänzte, einer dem andern stellten. Es fand sich aus der Berechnung, daß wir vom nächsten Hafen unter dem Winde, Sigri auf Lesbos, etwa fünfzig Meilen entfernt waren. Wir hatten keine Wahl und nahmen alsogleich die Richtung dahin.

In dem Zustande, in welchem wir uns befanden, nach allen Seiten der See geöffnet, mit zerbrochenen Raaen und Stängen, mit zerrissenem Tau- und Takelwerk, Kajüte und Offiziersgemächer noch voll von Wasser, hatte unsre Lage mitten in der stürmenden See genug, was zu anderer Zeit erschrecken konnte. Damals aber schien uns, die wir der größten Gefahr so wunderbar entgangen waren, die geringere keine mehr.

Beschäftigt in vollem Maße mit Ausbessern, Wehren und Pumpen langten wir gegen Mittag in der Gegend an, wo, nach unserer Berechnung, die Hafeneinfahrt nahe vor uns liegen mußte. Aber die Wolkendichte erlaubte durchaus nichts zu sehen. So hoch die Berge von Lesbos im Rücken von Sigri sind, es war doch nicht möglich, irgend ein Stück Umriß derselben oder auch nur einen Farbenunterschied in den Wolken zu unterscheiden, der dem geübten Auge des Seemanns so oft das einzige Zeichen eines nahen Hintergrundes von Bergen ist. Unsere Verlegenheit war nicht klein, da die Einfahrt enge, voll Untiefen und Klippen, und die Küste zur Seite gewissen Untergang bringend ist, auch wir nicht auf hellere Zeit warten konnten, weil die See uns vor sich her trieb und das Schiff nicht im Zustande war, gegen die See zu halten. Wir durchflogen nochmals eilig unsere Berechnungen, und da diese die Linie unseres Laufes genau auf die Hafeneinfahrt gerichtet wiesen, so fuhren wir in Gottes Namen im Dunkel darauf los, das Beste hoffend und das Schlimmere zu nehmen entschlossen. Und es war uns zum Heile! denn richtig erreichten wir die Einfahrt und konnten sie erst dann erkennen, nachdem wir schon darin waren. Ein allgemeiner Jubelruf erscholl aus allen Theilen unseres Schiffes.

Im Hafen lagen die k. k. Kriegsbrigg Montekukulli und mehrere Kauffahrer, die uns sogleich mit dem Nöthigen an frischen Lebensmitteln und Wein beisprangen, denn alle unsere Hühner und Lämmer waren ertrunken und der französische Wein verdorben. Sechs Tage lang baute unsere Mannschaft und die der übrigen Schiffe, um die Veloce wieder herzustellen. Da Vorrath an bearbeitetem Material nicht fehlte, so stand die Korvette bald wieder segelfertig da, und während man zu Smyrna, dem Berichte eines österreichischen Kauffahrers zufolge, der uns bald nach neun Uhr gekreuzt hatte, uns versunken glaubte, waren wir guten Muthes und am 6. April Abends bereits wieder unter Segel.

Das Wetter blieb uns durch mehrere Tage günstig. Leichter Nordwest trieb uns in der Nacht rasch an Scio vorüber. Am 7. umsegelten wir Nikaria an der Westseite und kamen hart an Pathmos, dessen breites Haupt die Stadt und das Kloster zum heil. Johannes krönen; am 9. sank bereits Rhodus unter den Gesichtskreis und die Schneegebirge der Karamanischen Küste, der Kragus und Antikragus, wohin die Alten die Fabel von der Chimäre verlegten, stiegen empor. Ein Meteor fuhr, bald nach Sonnenuntergang, von Nordwest nach West, ungeachtet des hellen Tages noch glänzend, ja blendend weiß, durch die Luft und zerstob in Sterne, wie eine Rakete, mit einem Lichte dieser ähnlich, aber viel stärker und größer. Am 11. umwölkte sich der Himmel von Neuem und der Wind ging wieder nach Süd. Castelrosso (Megiste oder Cisthene) und Kap Khelidonia (sacrum promontorium) zeigten sich des Morgens, von Schneegipfeln des Taurus überragt; Tags darauf wurde die See stark bewegt, und der Himmel trüber. Cypern blieb uns unsichtbar, so nahe wir auch daran vorbeistrichen. Abends konnten wir kaum mehr fünfzig Meilen von der syrischen Küste seyn — aber wir wagten nicht, uns in der Nacht ihr zu nähern, denn Niemand an Bord kannte dieselbe. Wir legten daher um und brachten die lange Nacht hin- und herfahrend zu.