Der darauf folgende Tag war fast ohne Licht; nur graue Helle lag über See und Himmel, und auf Entfernung weniger Meilen unterschied das Auge nicht mehr die eine von dem anderen. Wir steuerten küstenwärts, mit Vorsicht erst und dann mit verdoppelten Segeln. Erst um zwei Uhr Nachmittags sahen wir oder erriethen vielmehr einige Umrisse von Gebirgen, zweifelhafte und schwebende Linien durch die Regenwolken zitternd. Sie wurden deutlicher — zeigten sich langgestreckt, hoch, wenig abgezeichnet. Wir konnten, der Berechnung zufolge, nur den Berg Karmel vor uns haben, und er war es auch und neben ihm die Küste von Sur bis Cäsarea. Die Ruinen einer Stadt hoben sich aus den Wellen; südlicher stieg ein hoher Thurm hervor. Wir steuerten nach diesem und erkannten erst spät, daß wir Cäsarea selbst vor uns hatten. Wir wandten nach Nord, erreichten Kap Karmel; da hatte sich der Himmel eben aufgehellt, die Sonne trat wie zum Abschied am westlichen Horizonte hervor, und ihre feuchten, zitternden Strahlen vergoldeten die Mauern und Minarete von S. Jean d'Acre. Wir warfen die Anker auf der Rhede von Kaipha.

Dies kleine Städtchen liegt am Fuße des Karmel nahe am Südostwinkel der Bai. Die Araber nennen es Hipha, die Juden Kepha oder auch Hepha, die Griechen und Lateiner meist Kaipha oder Kaiphas. Es ist ein ins Viereck von etwa vierhundert Schritt Grundlinie, ummauerter Ort, der nach jeder Seite drei Thürme weiset. An drei tausend Seelen bewohnen denselben, meist Türken aus der Barbarei; ein Zehntheil der Bevölkerung mag katholisch seyn; es gibt auch einige Griechen dort und zehn Familien Juden. Die Griechen haben einen Papas, die Katholiken einen Mönch aus dem Kloster auf dem Karmel, das von Rom aus erhalten wird und seine armen Jünger bis Tripoli, Haleb, Basra und Bagdad und bis nach Indien sendet. Der Ort erzeugt etwas Öhl, Baumwolle und Getreide, und führt des letztern aus. Die Umgebungen sind kahl und traurig. Weiße, erstorbene Wellen decken das östliche Gestade; kahle Höhen steigen im Süden auf; nur selten belebt ein Öhlbaum oder eine Dattelpalme das Gestade. Auf dem Abhange des Karmel steht auf Entfernung eines Flintenschusses ein Zwinger, welcher die Stadt im Zaume halten soll, und dermalen unbesetzt ist. —

Scherif Ibn-Idris, in seiner Erdbeschreibung, nennt Kaipha den Hafen der Landschaft Tiberias, und rühmt denselben als selbst für größere Schiffe gut. Heut zu Tage ist überhaupt nur von einer Rhede dort zu sprechen, und diese so versandet, daß die Boote sich kaum auf fünfzig Schritte dem Gestade nähern können. Die Bai von S. Jean d'Acre und selbst die Rhede von Kaipha gehören unter die gefährlichsten Stellen, um Anker zu werfen. Zwar ist der Grund feiner Sand (wir lagen in 8-1/2 Faden) und hält; aber die Winde üben eine ungeheure Gewalt in diesem nach der Westseite ganz offenen Trichter, wie stundenbreite Dünen hinlänglich darthun. Im Südostwinkel der Bai, eine Viertelstunde von Kaipha, ist die Mündung eines Flüßchens, des Kischon oder Kilson der Bibel (1. Könige, XVIII. 40). Nahe daran sind ausgebreitete Grundfesten und Reste uralter Bauten, in unförmlichen Haufen über einander liegend und vom Sande verschüttet, vielleicht, was noch übrig von Kilson (Gem. Schabbath, 26. 1.) oder Porphyreon ist, die entweder nur andere Namen für Kaipha sind, oder demselben ganz nahe lagen. An diesem Gestade und an dieser Stelle hauptsächlich wurde der kostbare Purpur erzeugt, die Farbe der Herrschaft und des Reichthums.

Zwei Menschen unter denen, die ich in Kaipha sah und sprach, zeichneten sich in mein Gedächtniß ein, der Befehlshaber der Stadt und ein Mönch. Jener, ein Mann aus Algier, empfing mich im mittleren Thurme der Seeseite, von Rauch und allen seinen Soldaten umgeben, arm wie ein Bettler, stolz wie ein König, und freimüthig wie ein Held. Dieser diente mir emsig und in verständiger Demuth im Kleinsten wie im Größten. Er war aus Malta und lebte schon seit fünf und zwanzig Jahren in seinem Häuschen zu Kaipha, das, rings umplankt und verschlossen, sammt dem Gärtchen vor dessen Thüre nicht größer war, als einer der Säle unserer Palläste. Priester, Arzt und Handwerker zugleich, lagen Bibel und Missale, Kräuterbuch und Phiole, Kruzifix und Haue, Palmenzweig und Türkensäbel in friedlicher Unordnung über einander, die, wenn ich so sagen darf, ein Abbild seines Innern war.

Der Zufall wollte, daß eben als ich anlangte, Abdallah Pascha sich auf seinem Landhause bei Kaipha auf dem Berge Karmel befand. Mit dem Stolze der Unwissenheit und dem Dünkel von Macht, der nicht selten den ausgearteten Fürsten des Orients eigen ist, und zu dessen Steigerung das Benehmen von eingebornen Christen und von Franken nachdrücklich beiträgt, wies er meine erste Botschaft, das Verlangen ihn zu sprechen, mit den Worten zurück: er aber verlange das nicht. Mein Ziel im Auge, ließ ich mich durch diese Äußerung nicht abschrecken. Ich schrieb sie zum Theil dem Umstande zu, daß das englische Bombenschiff Infernal auf der Rhede lag, das von dem Pascha auf gleiche, und schlimmere Weise behandelt war, und zwar durch eigene Schuld; denn der Kapitän desselben, ein junger und mit dem Stande der Verhältnisse unbekannter Mann, hatte zu Alexandrien, von wo er kam, sich vom Vizekönige von Ägypten Empfehlungsbriefe an Abdallah-Pascha erbeten, und diese ihm ankündigen lassen. In eben diesem Zeitpunkte aber war das Mißtrauen des Pascha gegen seinen mächtigen Nachbar auf einen so hohen Grad gestiegen, daß Empfehlung von diesem jeden Fremden in seinen Augen verdächtig machte. Er ließ demnach den Infernal wissen, daß kein Mann desselben die Küste betreten dürfe. Als dieß doch versucht wurde, ließ er die Ausgeschifften mit Gewalt zurückweisen, und, als Folge hievon, dem Schiffe bedeuten, binnen vier und zwanzig Stunden die Rhede zu verlassen, widrigenfalls er es durch die Kanonen der Küste hiezu nöthigen würde.

Bei diesem Stande der Dinge, und da ich mit unserem nach Nazareth geflüchteten Konsul Rücksprache nehmen mußte, um mit voller Kenntniß gegen den Gewalthaber auftreten zu können, ließ ich demselben sagen: »Ich begriffe seine Weigerung, mich zu sehen, und wollte für den Augenblick auch gar nichts, als Pässe und sicheres Geleite nach Jerusalem und den heiligen Orten.« Gleichzeitig ließ ich dem Konsul zu wissen machen, mich ruhig in Nazareth zu erwarten.

Der Pascha antwortete freundlich: er gewähre mir gerne, was ich verlange. Noch an demselben Abende hatte ich Briefe von ihm an den Statthalter des Pascha von Damaskus in Jerusalem, und an die Befehlshaber der Truppen in Jaffa und Ramle, so wie Pferde und Geleite, und am nächsten Morgen setzte ich meine kleine Karawane in Bewegung.

Durch Olivengärten und über Felder ritten wir um das Kap Karmel (1/2 Stunde), einige alte Reste und in Felsen gehauene Gräber nahe am Gestade zur Rechten lassend; zur Linken weidete unter den Bäumen die herrliche Zucht arabischer Pferde des Pascha. Das Vorgebirge ist steil, und zum Theile nackt, mit wagrechten Lagerungen Kalkstein, in welchen Hornstein eingesprengt sich befindet. Dieß ist der Charakter des ganzen Gebirges dießseits des Jordan. Eine von Mönchen zum Theil aufgemauerte, zum Theil in den Felsen gehauene Stiege führt längs dem äußersten Abfall des Vorgebirges hinauf, vorüber an einem türkischen Kloster zum Landhause des Pascha und weiter zum Kloster der Karmeliten, das an der Stelle erbaut seyn soll, wo Elias dem Herrn den Altar errichtete, und die vierhundert und fünfzig Baalspfaffen, und die vierhundert Propheten des Hains dem Zorne des gläubigen Volkes preis gab. (1. Könige, XVIII.) Abdallah Pascha hatte dies Kloster in einem Anfalle von Laune zerstören lassen, stellte dasselbe aber eben damals, durch die Pforte hiezu vermocht, wieder her.

Um das Vorgebirge gekommen, hat man herrliche Ebene vor sich, die sich bis Ramle, und weiter bis Gaza ausdehnt, und an Reichthum und an Kraft des Bodens von keinem Lande, das ich gesehen, übertroffen wird. Wahrlich diese Strecke verdient das gelobte Land zu heißen! — Ihre Breite ist zunächst die einer halben Stunde. Das Getreide wogte wie Wellen der See, denn die Ebene am Karmel auf dieser Seite ist trefflich bebaut durch die Bewohner des türkischen Dorfes Tzöri, das aus einem Olivenwalde am Abhange blickt. Ich vermuthe, daß der Ort Karmel, wo Nabal, der Gatte Abigails, die später Gemahlin Davids wurde, seine reichen Besitzungen hatte (1. Samuel, XXV.), auf diese Seite des Gebirges zu setzen komme. Eusebius erwähnt eines Ortes Karmel, der zu seiner Zeit noch bestand (Prokop. Comm. 1. Könige), und den schon Plinius kannte, nach welchem der Ort vormals Ekbatana geheißen haben soll (V. 19); Hieronymus aber zweier Berge dieses Namens, wovon der eine der allgemein auch heute noch so genannte ist, der andere aber südlicher gelegen haben soll (Comm. zu Amos, 1.). Wahrscheinlich versteht er darunter die Fortsetzung des eigentlichen Karmel, des südlichsten Gebirgsvorsprunges in Syrien, welche die östliche, mit dem Segen des Himmels bedeckte Hügelwand ist, und als solche die Verbindung mit den Gebirgen von Samaria und Jerusalem macht. —