„Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und bedeutend in seinem Wirkungskreis,“ sagte Anna zu sich selbst, nachdem sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. „Stehen denn seine Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren lassen?“
Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei ihr eintrat.
„Es ist nun Zeit,“ sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.
„Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn zu blicken?“ dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.
Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu sein in ihr — oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.
34.
Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.
Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt war.
Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: „Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!“
Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und begab sich leise in das nächste Gemach.