Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu den Rennen zu fahren.

Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin hinzuzuziehen.

27.

Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.

„Für Bezzy wäre es noch zu früh,“ dachte sie und schaute aus dem Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. „Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?“ dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was sie sagen sollte, zu sprechen begann.

„O, wie ist das reizend von dir!“ sagte sie, dem Gatten die Hand reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, begrüßend. „Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?“ war das erste Wort, welches der Geist der Lüge ihr eingab, „jetzt fahren wir doch zusammen. Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe — sie will kommen, mich abzuholen.“

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.

„O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,“ antwortete er mit seinem gewöhnlichen launigen Tone. „Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.“

„Wir haben indessen nicht die geringste Eile,“ sagte Anna, „wollt Ihr Thee trinken?“ Sie schellte. „Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? — Michailow Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,“ fuhr sie fort, sich bald an ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.

Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu beobachten schien.