„Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht gebaut.“
„Papa, unmöglich!“ rief Kity.
„Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon wissen. O, über diese leidenden Damen!“
„Nein, Papa!“ entgegnete Kity eifrig, „Warenka vergöttert sie, und dann thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl kennt jedermann!“
„Mag sein,“ antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend, „aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man auch frägt.“
Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können, sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken wollte.
Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte, weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.