„Aber wozu denn heucheln?“ erwiderte ruhig Warenka.
„O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu thun brauchen! Alles war Heuchelei!“ sagte sie, den Schirm bald öffnend, bald schließend.
„Aber zu welchem Zwecke nur?“
„Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein, braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!“
„Aber wer ist denn die Betrügerin?“ frug Warenka vorwurfsvoll, „Ihr sprecht doch gerade, als ob“ —
Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht aussprechen.
„Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin? Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre! Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies ist anders, anders!“ —
„Was ist anders?“ frug Warenka unsicher.
„Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber, wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!“
„Ihr seid ungerecht,“ sagte Warenka.