Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, „please, some more.“
Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude einigermaßen verdarb.
Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete — die sei ihm ganz egal — sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch sprechend: „Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen“ —
Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren Anteil mit.
Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.