Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem Gatten zu erledigen gewesen wäre.

In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.

„Ich habe verstanden,“ sagte Lewin, „daß dies nur soviel bedeutet, als ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.“

„O nein!“ sagte Dolly. „In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,“ fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung gegangen sein.

„Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,“ sagte sie zu ihm.

„Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den Pferden um die Wette laufen?“

Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so übel bekommt.

Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.

Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.

„Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!“ sagte er mit heiterem Lächeln zu der Mutter, „es ist unmöglich, daß ich mich versehe oder sie fallen lasse.“