„Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?“ dachte er bei sich, „wie unnatürlich und falsch ist das.“ Sogar die Kinder fühlen es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,“ so dachte er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder auf diese Weise zu erziehen.

„Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.“

Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte — Grischa und Tanja hatten eine Rauferei miteinander gehabt.

Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.

Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene Kinder mit rohen, brutalen Anlagen — ungezogene Rangen. —

Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.

Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber dachte er, „ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie haben.“

Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr zurück.

11.

In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.