Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst vorteilhafteste — infolge dessen also auch richtigste — Weise von diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
„Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich werde diesen Ausweg finden,“ sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr verfinsternd. „Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.“ Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten „schönen Helena“, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner Erinnerung auf: „Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf Paskudin, Dram — ja Dram, — ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,“ zählte Aleksey Aleksandrowitsch weiter auf. „Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl dafür gehabt,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer verrieten, wurden. „Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum, wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.“
Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
„Darjaloff hatte sich geschlagen“ — —
Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein Leben einer Gefahr aussetzte.
Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert — nicht so wie in England — daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. Aber welches Resultat wird dabei erreicht? „Gesetzt, ich forderte jemand zum Zweikampf,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah ein, daß er dies nie thun würde. „Gesetzt, ich forderte ihn zum Zweikampf; man instruiert mich,“ fuhr er fort, sich auszumalen, „man postiert mich, ich drücke ab,“ sprach er zu sich und drückte dabei die Augen zu, „und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe“ — er schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen — „was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, — ich selbst sollte getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer — verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.“
Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von ganz besonderer Wichtigkeit.
Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung — es gab deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten Gesellschaft — an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.