Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan vereinigen würde.
In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege — das des Wunsches, sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid wickelte.
„Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich einfach von seinem Weibe trennen;“ spann er seine Gedanken weiter und beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
„Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,“ sprach er laut zu sich, von neuem sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, „ich kann nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich werden!“
Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
„Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer Beziehungen zu dem Liebhaber.
Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch eine weitere wichtige Erwägung.
„Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit der Religion,“ sagte er sich, „nur mit ihm stoße ich das verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.“