Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu einer Partie Croquet kämen.
„Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, ich erwarte Euch,“ endete Bezzy.
Anna las das Billet und seufzte schwer.
„Nichts; ich brauche nichts,“ sprach sie zu Annuschka, die ihr die Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; „geh, ich will mich sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.“
Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in sich zusammensinkend.
Sie wiederholte unaufhörlich: „Mein Gott, mein Gott,“ aber weder das erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, möglich sei.
Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte — sie wußte es nicht.