„O, was thue ich!“ sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann umherzuwandeln.

„Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,“ sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der nämlichen Lage antraf.

„Sergey? Was ist mit Sergey?“ frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres Sohnes.

„Er hat etwas verbrochen, glaube ich,“ fuhr Annuschka lächelnd fort.

„Was hat er denn verbrochen?“

„Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr wohl eine derselben heimlich verspeist.“

Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu Wronskiy treten würde, geblieben sei.

Diese Stütze — war ihr Söhnchen. —

Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein unabhängiges Leben fortsetzen — wiederum dachte sie voll Erbitterung und mit Selbstvorwürfen an ihn — sie konnte den Sohn nicht verlassen. Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr auch diese Ruhe.

Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.