„Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb, weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das Volk bilden — das ist das ganze Geheimnis.“ —
„Aber wie sollen wir das Volk bilden?“
„Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und nochmals Schulen.“
„Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen helfen?“
„Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden — man gab es ihm — es wird schlimmer; man versucht Blutegel — es wird schlimmer; er soll zu Gott beten — es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich verordne Socialismus — da wird es auch schlimmer; Bildung — da auch!“ —
„Wodurch sollten uns die Schulen helfen?“
„Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.„
„Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,“ rief Lewin eifrig, „wie sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib antwortete: ‚Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.‘ Ich frug, ‚wie heilt ihn denn die Hebamme?‘ — ‚Nun, sie setzt das Kind zu den Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.‘“
„Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß“ — lächelte heiter Swijashskiy.
„O nein!“ antwortete Lewin ärgerlich, „diese Heilung sollte nur ähnlich erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das Volk wirklich elend ist!“