„Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser verwaltet?“

„Ich sage nur das Eine,“ versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer Gedankenfolge, „Ihr müßt heiraten, so steht es!“ —

Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.

Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen eines Wagens in dem Kot draußen.

„Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr langweilig sein,“ sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer da wollte, kam.

31.

Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei nicht die seines Bruders Nikolay.

Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.

Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in Mitleid verwandelt hatte.

So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur noch in der Haut.