„Ich habe mich doch nicht verspätet?“
„Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
„Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?“ frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
„Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.“
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.
„Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?“ dachte er.
„Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,“ brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.
Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen — sie war eine vollständig andere geworden. —
Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, — als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, — sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.