„Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke Euch,“ sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, belohnend, „daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!“

„Es ist wahr,“ versetzte Lewin, „pflegt es doch meistenteils so zu sein, daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.“

Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.

Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.

„Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man vertritt; dann erst ist es möglich“ —

Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm überraschend.

Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.

Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.

„Nun,“ antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren treuherzigen Augen auf ihn blickend, „das Mädchen kann doch auch so gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich selbst“ —

Er verstand ihren Wink.