„O, welche Thorheit!“ fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen. „Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, — Sergey hat es gerade so; aber ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet Mariette, bei ihm zu schlafen.“
Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag — sie hatte ihren Gatten erblickt.
„Nein, nein,“ begann sie wieder, „ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen. Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.“
Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten, er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an. Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie in ihnen wahrgenommen hatte.
„Warte, du weißt nicht — wartet, wartet“ — sie hielt inne, als wenn sie ihre Gedanken sammeln wollte. „Ja,“ begann sie dann, „ja, ja, ja, das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer dieselbe — aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese; ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt, und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt, dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern; Fingern — hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine heilige Märtyrerin gewesen — wie nannte man sie doch — die war noch schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde, da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben, ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist zu gut für mich!“ Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.
Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen, dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit herausforderndem Stolz empor.
„So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze ab!“
Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute mit glänzendem Blick vor sich hin.
„Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?“ fuhr sie fort, sich nach der Thür zu Wronskiy wendend, „komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.“
Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.