Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand und sagte:
„Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen Empfindungen, — sage ich lieber — mit dem Wunsche, daß sie sterben möge. Aber“ — er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl enthüllen solle oder nicht — „aber ich habe sie wiedergesehen und ihr vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen. Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben möge, die das Vergeben gewährt.“
Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick Wronskiy in Verwirrung brachte.
„Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. „Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist es besser, Ihr entfernt Euch.“ —
Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht, fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine Lebensanschauung Unerreichbares.
18.
Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene, etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn — und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben. Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte, begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er beginnen sollte.
„Wünscht Ihr einen Mietkutscher?“ frug ihn der Portier.
„Ja, einen Kutscher!“
Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa, und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.