„Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?“

„Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.“

„Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,“ — Aleksey Aleksandrowitsch verstand, was das „Gleich“ bedeutete — „es ist ein kleines Kind und man läßt es verhungern.“ Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, „ich habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, und macht mir jetzt doch Vorwürfe.“

„Ich mache keinen Vorwurf“ —

„Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?“ Sie brach in Schluchzen aus. „Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht“ — sagte sie, zur Besinnung kommend; „aber geh“ —

„Nein! Das kann nicht so bleiben,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte — mit solcher Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas heischten, was aber — er konnte es nicht erfassen. — Er fühlte nur, daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als pflichtgemäß erschien.

21.

Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in der Thür begegnete.

„Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!“ rief er aus. „Ich war bei Euch!“

„Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,“ erwiderte Betsy lächelnd, ihren Handschuh anziehend.