„Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.“ — Er lächelte düster.

Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen ankämpfte, — das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.

Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.

Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für seine Abreise nach Taschkent zu treffen.

„Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, sterben,“ dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.

„Um so besser,“ dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. „Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.“

Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna sprechen könne.

Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den Karenin.

Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme mit Küssen.

Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.