„Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? — Hierüber gilt es jetzt nachzudenken!“
„Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,“ antwortete Dolly, „am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.“
„Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun von dir hören; erzähle mir alles.“
Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme und Liebe sichtbar waren.
„Wohlan denn,“ sagte sie plötzlich. „Doch ich will von Anfang an erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner französischen Maman-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan — Stefan Arkadjewitsch — hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei, welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor, daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein, daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese ganze Niedrigkeit kennen lernen.
Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines Glückes zu sein, und mit einem Schlage,“ — Dolly fuhr fort, nur mit Mühe das Schluchzen unterdrückend, „jenen Brief erhalten zu müssen. Es war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu entsetzlich!“
Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz. „Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,“ fuhr sie fort, nachdem sie eine Weile geschwiegen, „aber hinterlistig, schlau mich zu betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu sein und zugleich der ihrige — das ist furchtbar! Aber du kannst das nicht verstehen!“
„O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,“ antwortete Anna, ihr die Hand drückend.
„Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner Lage klar machen?“ fuhr Dolly fort, „keineswegs! Er ist glücklich und zufrieden!“