„O nein!“ unterbrach sie Anna schnell, „er ist in einer kläglichen Stimmung, er wird von Reue bedrückt!“

„Ist er der Reue fähig?“ fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins Gesicht schauend.

„Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können. Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,“ Anna erriet diese Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, „ist die, daß ihn zweierlei quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er, der dich liebt — ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben“ — ließ Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, — „dir so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. ‚Nein, nein, sie vergiebt nicht!‘ ist sein stetes Wort.“

Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und lauschte auf deren Worte.

„Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel tiefer, als der Unschuldige,“ sagte sie, „wenn er empfindet, daß durch seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm verzeihen, wiederum sein Weib werden können — nach jenem Geschöpf? Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb, weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.“

Schluchzen unterbrach ihre Stimme.

Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen, was sie vor allem so erbittert hatte.

„Sie ist freilich noch jung, noch schön,“ fuhr sie fort, „du verstehst, Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm — das versteht sich wohl — ein frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen, oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben — verstehst du?“

Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.