Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in diesen cynischen Äußerungen.

„Und im allgemeinen,“ dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, „Schwangerschaft, Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute — hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese furchtbaren Schmerzen“ —

Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt hatte. „Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die Gedanken wegen schlimmer Neigungen“ — sie dachte an das Vergehen der kleinen Mascha in den Himbeeren — „der Unterricht, das Latein, alles das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!“

Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden, vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel und einem Kreuz bedeckte.

„Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche, schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?

„Und jetzt — wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht, wie wir ihn verleben sollen. — Natürlich sind Konstantin und Kity so zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles, was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein ganzes, verlorenes Leben!“ —

Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.

„Ist es denn noch weit, Michail?“ frug Darja Aleksandrowna den Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu entreißen.

„Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!“

Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.