„Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,“ fuhr Darja Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter, angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, „ich aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly, Warenka, Anna, zu der ich fahre, — nur ich lebe nicht! —
Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn nicht! Ich brauche ihn aber,“ dachte sie ihres Gatten, „und so dulde ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte ich noch meine Schönheit,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen, und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen, doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.
Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte, sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. „Anna hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,“ dachte Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen, namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna, gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.
In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.
17.
Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern erhob sich und kam zum Wagen.
„He, bist wohl vertrocknet!“ rief der Comptoirdiener gereizt dem langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, „so lauf doch!“
Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an die Seite des Wagens.
„Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?“ wiederholte er, „dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum Herrn selbst?“