„Eine alte Bekannte,“ sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.

Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden, gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten Gedanken befanden, verschlossen war.

„Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?“ frug Dolly.

„Die Any?“ — so nannte sie ihre Tochter Anna — „sie befindet sich wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm, ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,“ begann sie zu erzählen, „mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.“

„Und wie seid Ihr übereingekommen?“ wollte Dolly fragen, welchen Namen das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. „Und wie seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?“ —

Doch Anna hatte verstanden.

„Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen. Das heißt, sie ist — eine Karenina“ — sagte Anna, die Augen soweit zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar waren. „Übrigens,“ fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort, „von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir zeigen! Elle est trèsgentile — und kriecht schon fort.“

In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus, welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen. Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.

Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich einander nur verständlich machen konnten.

Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen, obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen „yes, mylady!“